Arbeit, Familie, Leben – Teil 2: Familie. Warum Arbeit & Familie  zur Zerreißprobe wurden -  und warum das nicht immer so war!

 

Dieser Artikel ist der zweite Teil der Trilogie "Arbeit, Familie, Leben – Familie".  Eine Geschichte von der Suche nach der Erfüllung und dem Sinn unseres Lebens.

 

Heute möchte ich über eine Problematik schreiben, die meiner Meinung nach viel zu oft übersehen und vernachlässigt wird, wenn es um Burnout und seine Ursachen geht! Wie schon in meinem letzten Artikel  "Arbeit, Familie, Leben –Teil 1: Arbeit", nehme ich Dich auch heute wieder mit auf eine Zeitreise durch unsere Menschheitsgeschichte und die Entwicklung der Familie. Du erfährst von mir, warum es uns glücklich macht, Kinder großzuziehen und weshalb dies in unserer modernen Zeit trotzdem oft gar nicht so einfach ist! Am Ende erwartet Dich außerdem noch eine kleine Formel, mit der Du überprüfen kannst, ob auch Du zu denen gehörst, deren Familie im Alltag Überlastung droht oder nicht.

 

Im ersten Teil meiner Trilogie "Arbeit, Familie, Leben – Arbeit", hast Du auch schon erfahren, was ich mit "Selbstwirksamkeit" im Burnout-Kontext meine ...

 

... dass es unser tiefstes, inneres Streben in diesem Leben ist, zu sehen, dass das, womit wir den Großteil unserer Zeit verbringen, nicht reine Zeitverschwendung ist, sondern etwas hervorbringt. Ein Ergebnis, auf das wir stolz sein können. Die Früchte unserer Arbeit.

 

Wir wollen einen Lebensinhalt, dem wir uns hingebungsvoll widmen können, etwas, dem wir unsere Lebenszeit vermachen können, etwas, was es am Ende wert war ...

 

Wir wollen etwas aus uns entstehen lassen und stolz darauf sein! Kurz gesagt: Wir wollen Kinder, wir wollen eine eigene, glückliche Familie gründen!

 

Denn das, was ich im letzten Artikel über Selbstwirksamkeit und Deinen Traumjob geschrieben habe, trifft auch auf unser Eltern sein zu: Auch hier erschaffen wir über einen sehr langen Zeitraum etwas, was uns immer widerspiegelt. Sie wachsen und zeigen uns jeden Tag aufs Neue, dass die Energie, die wir investieren, dass das, was wir sagen, tun und leben, einen nachhaltigen Effekt hat. Nämlich den, dass unsere Kinder glücklich sind. Dass sie sich prächtig entwickeln. Dass sie von uns lernen, wie sie ihren Weg bestreiten und ihrem Leben einen Sinn suchen und geben können.

 

Wir setzen eine unberührte, kleine Seele in die Welt, welche so weich und formbar ist, wie ein Stück warm gewordene Knete.

 

Nun haben wir die Möglichkeit – mit Sanftmut und Liebe gegenüber unseren Kindern – alles anders oder besser zu machen als unsere Eltern und die Erfahrungen zu heilen oder die Freiheit und Wärme zu erfahren, die uns vielleicht in der Erziehung, die wir genossen haben, hier und da fehlten.

 

Ja, wir heilen uns selbst ein bisschen dadurch, dass wir sehen, dass das, was unsere Eltern evtl. für unnötig oder unmöglich gehalten haben, dass das, was wir für unsere Kinder tun und entscheiden, genau den Effekt hat, den wir vermutet und uns immer erträumt haben.

 

Kinder in diese Welt zu setzen ist auch unsere Chance dafür zu sorgen, dass die Werte, nach denen wir überzeugt leben auch nach uns einen Fortbestand in dieser Welt haben werden. Sie sind unser Beitrag zu einer Gesellschaft, wie wir sie am liebsten sehen würden: Denn wir werden sie erziehen und ihnen eine Richtung weisen, von der wir denken, dass sie die gesündeste und beste ist – nicht nur für uns – sondern auch alle anderen da draußen. Eine Richtung, von der wir glauben, dass unser Land, unsere Gesellschaft eine bessere wäre, würden wir alle danach leben. Wir erweitern quasi die Anzahl an Menschen, die so werten und denken, wie wir, mit jedem Kind, welches wir formen. Und mit jedem Enkel, den sie eines Tages wiederum hervorbringen werden. Und diese natürlich auch wieder unsere Werte von dessen Eltern weitergegeben bekommen, so, wie diese sie von uns vermittelt bekommen haben.

 

Wir geben unsere eigene Entwicklung und Erfahrungen, die wir in diesem Leben so lange schon gemacht haben, an sie weiter, als Nährboden für die Entwicklung vieler uns nachfolgender Generationen, die daraus – wer weiß was – erschaffen können werden.

 

Selbstwirksamkeit. Mein Denken und Handeln hat einen Effekt in dieser Welt. Ich wirke. Ich forme und verändere diese Welt. Weit über meinen Tod und die eigenen vier Wände hinaus.

 

Und dann ist da noch diese tiefe, aufrichtige Liebe! Sind wir jemals so berührt und so bereit gewesen, alles um uns zu vergessen, als wenn wir auf die kleinen, zarten, vertrauensvollen Seelen unserer Kinder schauen? Haben wir jemals für irgendetwas anderes ein so starkes Bedürfnis nach Dasein, Erleben und Beschützen wollen empfunden, wie für diese kleinen Menschlein?

 

Kinder zu haben ist wundervoll. Das Beste für sie zu tun und alles für sie zu geben jedoch, ist in unserer modernen Zeit schwieriger geworden als je zuvor. Um zu verstehen, warum es heutzutage eine Zerreißprobe für die meisten elterlichen Herzen darstellt, selbstwirksam in Beruf und Familie zu sein, machen wir aber auch heute erst einmal wieder einen kleinen Ausflug in die Geschichte. Diesmal: in die der Familie.

 

Denn wir wurden ja nicht nur von diesem verrückten Tiger aus meinem Artikel "6 dreiste Tipps, wie Du besser durch den (stressigen) Arbeitsalltag kommst" verfolgt über Jahrtausende, haben in Höhlen gehaust, uns den Nachwuchs auf den Rücken geschnallt und ein bisschen Getreide kultiviert, bis wir *plop* auf einmal in strikt eingeteilten Arbeitsstunden und mit bis zu 45 Stunden Fremdbetreuung pro Woche für unsere Kinder, am Fließband wieder aufgewacht sind, und gar nicht wussten wie uns geschieht!

 

Nein, der Weg in den Zwiespalt zwischen Familie, Beruf und über 40 Stunden Fremdbetreuung, um uns unseren Platz am endlos langen Fließband oder im Büro zu sichern, war lang! Und den größten Teil dieses Weges gingen die Entwicklungen in der Arbeitswelt, über die ich im letzten Artikel schon berichtet habe, Hand in Hand mit denen innerhalb der Familien. Aber beginnen wir, im wahrsten Sinne des Wortes, von vorn:

 

Denn ganz am Anfang war die Herde unsere Familie, bestehend aus viel mehr Menschen als nur unseren Eltern und Großeltern. Was zu welcher Zeit unter dem Begriff Familie verstanden wurde, ist nämlich sehr unterschiedlich, und wird ab hier noch eine große Rolle für den Rest dieses und auch im nächsten Artikel spielen.

 

Die zunehmende Arbeitsteilung brachte im Laufe der Zeit einen neuen Familientyp hervor: den der "Haushaltsfamilie".

 

Bis zum Beginn unserer modernen Zeit und Arbeitswelt wurde nämlich auch eine Wirtschaftseinheit oftmals als Familie verstanden – Zum Beispiel alle Personen, die auf einem Bauernhof arbeiteten und lebten.

 

Die Zuständigkeit der Frauen war hier nach innen gerichtet und folgender Maßen priorisiert: Organisation des Haushaltes, Erziehung der Kinder, aber auch Mithilfe im Familienbetrieb oder eben der Haushaltsfamilie. Die mittelalterlichen Hausfrauen gebaren auch viele Kinder. Aber nur wenige erreichten aufgrund der schlechten hygienischen und gesundheitlichen Bedingungen das Erwachsenenalter.

 

Tätigkeiten außerhalb des Hauses und solche, die große Körperkraft erforderten, wie Waldarbeit und Ackerbau, wurden von Männern verrichtet. Der Tätigkeitsbereich der Frauen umfasste, wie gesagt, vor allem die Binnenwirtschaft in Haus und Garten. Trotz dieser Unterschiede lässt sich die Rolle der Frau aber nicht auf die einer Hausfrau und Mutter reduzieren. Neben ihren häuslichen Arbeiten hatte die Frau auch bei der Bewirtschaftung der Felder und der Viehzucht bestimmte Aufgaben zu erledigen. Die Arbeitsbereiche von Frauen und Männern waren im Rahmen der bäuerlichen Familienwirtschaft naturgemäß eng miteinander verflochten und zeigten fließende Übergänge, auch das weißt Du schon aus meinem letzten Artikel. Nur eines hatten sie gemeinsam: In der Regel waren Leben, Lebensort, Arbeit und Familie nicht getrennt. Weder für Männer noch für Frauen. Warst Du auf Arbeit, warst Du trotzdem immer noch Zuhause bei Deinen Lieben und andersherum, und hast gemeinsam für eure Familienversorgung gearbeitet.

 

Nun aber zu den Sprösslingen! Sobald sie alt genug waren, halfen auch die Kinder bei verschiedenen Arbeiten. Sie fegten den Hof, gaben den Tieren Futter, trieben das Vieh auf die Weide, zupften Unkraut, halfen beim Dreschen des Kornes oder wendeten das Heu, damit es gut trocknete. Auch das Versorgen der jüngeren Geschwister gehörte zu ihren Aufgaben, denn die Mutter war mit der Hausarbeit oder dem Spinnen von Garn beschäftigt. Außerdem halfen die Kinder beim Brot backen und Kühe melken.

 

Man hat erforscht, dass Jungen und Mädchen in der frühen Kindheit die gleichen Aufgaben hatten, die sie auch durch Zusehen bei den Eltern lernten.

 

Nach und nach erwarben die Mädchen dann ihre "weiblichen Tätigkeiten": sie sponnen, webten, kochten, holten Wasser, machten Käse, bestellten den Gemüsegarten und brauten mancherorts Bier, die Jungs arbeiteten außer Haus: sie pflügten, ernteten und mauerten. Da Frauen auch bei fast allen Feldarbeiten mithalfen, zeigt sich im Bereich der Bauern aber keine total strikte Trennung der Aufgabenbereiche. Und vor allem nicht von Anfang an: sowohl Jungen als auch Mädchen hüteten Gänse, Lämmer, Schafe, Kühe oder Pferde.

 

Natürlich gab es aber auch Ballspiele, Fang- und Ringelspiele, Tanz- und Versteckspiele und eine Vielzahl von Kinderliedern. Ein zeitloses "Spielzeug" stellten schließlich noch die Tiere, insbesondere zahme Vögel, dar. Das Spiel mit Tonkügelchen, zum Beispiel Murmeln, gehörte in der warmen Jahreszeit wohl zum alltäglichen Bild auf den Straßen.

 

Und schon damals war das Treiben der Kinder in der Öffentlichkeit so manchem Einwohner der Stadt ein Dorn im Auge: Eine Nürnberger Polizeiordnung aus dem 14. Jahrhundert verbot Kindern etwa das "Wälzen" in und vor der Stadt, ebenso sollten sie nicht mit Pfennigen herumschießen. Die Kinder scheinen sich aber nicht so streng an diese Verbote gehalten zu haben! ;-)

 

Übrigens: Die meisten gehen heute davon aus, dass Kinder im Mittelalter weniger emotionalen Wert für die Eltern hatten als heute. Dabei war das Kind im Mittelalter keineswegs das "ungeliebte Wesen". Man kann vielmehr sagen, dass die Liebe der Eltern zu ihren Kindern als selbstverständlich galt und vielleicht deshalb auch relativ selten literarische Beachtung in den Aufzeichnungen fand.

 

An der Selbstverständlichkeit, dass Eltern ihre Kinder abgöttisch lieben, hat sich bis heute nichts geändert!

 

Daran, dass sie neben der eigenen Arbeit trotzdem an der stetigen Entwicklung ihrer Kinder teilhaben konnten, weil Arbeit und Leben nicht getrennt voneinander waren, wie wir es heute kennen, schon.

 

Anders als heute, sah man Kinder erst ab einem Alter von etwa sieben Jahren als alt genug für eine Schule oder Ausbildung in Fremdbetreuung an. Das mag natürlich auch der Tatsache geschuldet sein, dass man so etwas wie Kitas damals nicht hatte oder nicht brauchte. Denn irgendwer war ja immer Zuhause.

 

Vielleicht hast Du schon einmal von Erikson gehört. Seine These war, dass Kinder vor allem bis zu einem Alter von drei Jahren extrem auf die Mutter fixiert sind. Wenn sie erleben, dass die Mutter in diesen ersten drei Jahren da ist, sie hört und sich kümmert, wenn sie weinen und sich unwohl oder ängstlich fühlen, entwickeln Kinder ein gesundes Gefühl, dass sie für ihr ganzes Leben prägen wird: Ich bin sicher und aufgehoben in einer warmen, liebevollen Welt! Das erscheint logisch, nicht wahr? Schließlich wachsen sie neun Monate im Mutterleib heran und es gibt erst einmal nichts, was ihnen so nah und vertraut ist wie sie.

 

Erstaunlicherweise erlebe ich es immer wieder, dass es Müttern mit so kleinen Kindern auch viel schwerer fällt, sie in eine Fremdbetreuung zu geben, als Müttern älterer Kinder. Und erstaunlicherweise ist es auch Erikson, der sagt, dass schlechte Erfahrungen und Traumata, welche uns in den ersten drei Lebensjahren widerfahren, im späteren Leben nur sehr schwer aufzuarbeiten sein werden. Denn die bewusste Erinnerung an das, was uns passiert ist, setzt in der Regel auch erst ab einem Alter um drei Jahren ein. Also, liebe Mamis, liebe Papis: wenn es Euch so schwer fällt, eure Kleinkinder lange in die Krippe zu geben, seid nicht so streng mit Euch, denn mit Euch ist alles in Ordnung! Ihr seid nicht hysterisch, sondern instinktiv.

 

Jedenfalls sind Kinder bis zu einem Alter von ungefähr drei Jahren sehr auf ihre Grundbedürfnisse wie Essen, Schlafen, Sicherheit usw. fixiert. Dann wird es etwas langweilig nur mit Mama, und Papa wird viiiiel interessanter! Denn Papa ist in der Regel etwas weniger besorgt und abenteuerlustiger! Hier beginnt laut Erikson seine Aufgabe: Dem Kind die Welt zu zeigen. Dies ist auch die Phase, in der wir Menschen anfangen unsere Selbstwirksamkeit zu entdecken und auszutesten, sehr zum Leidwesen der Eltern, die ab dann ständig hinterher sein und ein starkes Nervenkostüm beweisen müssen, wenn wir Schränke ausräumen, Dinge zu Boden werfen oder trotzen und Widerstand leisten ohne Ende.

 

Dass Kinder, sobald sie etwas sicherer laufen und agieren können, in die Welt hinaus und ihre Selbstwirksamkeit testen wollen, hat sich früher sicher gut mit den kleinen Aufgaben getroffen, die sie nach und nach innerhalb der Familie oder Hofgemeinschaft entsprechend ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten übernahmen, von denen ich eben schon gesprochen habe. Das ist ein natürlicher Vorgang, den ich in vielen anderen Ländern, die nicht zu den westlichen Industrienationen zählen, beobachten durfte: Kinder werden von den Müttern getragen und bemuttert, bis sie von selbst Wissensdurst und Neugier auf die Außenwelt entwickeln und sich abzulösen beginnen.

 

Sie vergrößern ihren Aktivitätsradius, was der Mutter wieder etwas mehr Bewegungsspielraum für andere Arbeiten gibt, befinden sich jedoch in keinerlei Gefahr, da andere Mitglieder der Großfamilie ebenfalls im gleichen Haus und Dorf leben und arbeiten, und die kleinen Welteroberer dementsprechend nie unbeobachtet sind, auch wenn sie sich manchmal so fühlen :-)

 

Wer sich gerne in Erziehungsratgebern vertieft oder diesen Blog regelmäßig liest, weiß, dass dies das Beste ist, was einem Kind passieren kann: Sich so frei und selbstständig bewegen zu dürfen, wie möglich.

 

Viel zu sehen, unzählige Gelegenheiten zu haben, unterschiedliche Talente und Tätigkeiten bei anderen zu beobachten und dem, was es besonders fasziniert, einfach nachzugehen, sich darin ausprobieren und dazulernen zu dürfen. Kleinere Aufgaben nach und nach zu übernehmen stärken zudem das Selbstbewusstsein unserer kleinsten Erdenbürger! Denn dies ist eine Form der Anerkennung, welche die Motivation steigert und erhält, immer weiter Neues lernen zu wollen.

 

Hörst Du das auch manchmal von erstaunten Reisenden, wie gerne und motiviert Kinder in anderen Ländern, in denen man noch so lebt, zur Schule gehen und von sich aus gute Leistungen erzielen wollen? Das Hauptargument oder die Erklärung, die ich am häufigsten höre, ist, dass sie so dem niedrigen Lebensstandard im Erwachsenenalter entgehen wollen. Da ich als Trauer- und Sterbebegleiter jedoch gelernt habe, dass Kinder recht spät ein Gefühl für lange Zeiträume oder für die Bedeutung der Wörter "Unendlichkeit" und "Zukunft" entwickeln, habe ich an dieser küchenpsychologischen These ehrlich gesagt so meine Zweifel.

 

So, genug abgedriftet! Es ist schon spät und wir haben doch alle keine Zeit!! Also, wo war ich ...?

 

Achso ja! Bei der Rollenverteilung und dass es sich lange durch unsere menschliche Geschichte gezogen und erhalten hat, dass die Frauen die Kinder erziehen und sehr viel mehr und länger Zuhause sind als die Männer. Diese Form der Haushaltsfamilie hat also alle weiteren Familienbilder in den nächsten Jahrhunderten geprägt.

 

Aber die Dinge wandelten sich langsam: Der Familie wurde im nationalsozialistischen Staat eine ganz besondere, ideologische Bedeutung zugeschrieben. Um das deutsche Volk zu stärken, sollten Frauen und Männer möglichst früh heiraten und viele Nachkommen zeugen. Die Familiengründung hatte allerdings nicht die Verwirklichung des privaten, individuellen Glücks im Sinn, sondern wurde als nationale Pflicht angesehen!

 

Frauen sollten nicht berufstätig sein, sondern Mütter werden. Als Idealbild galt übrigens immer noch die bäuerliche Großfamilie.

 

Aber aufgepasst! Die Familie sollte im Sinne der Staatsideologie jedoch nur noch der "Aufzucht" der Kinder dienen, die politische und soziale Prägung selbst sollte dem Staat vorbehalten sein. Das ist etwas, was man auch aus DDR-Zeiten noch gut kennt, und vielleicht auch besser nachvollziehen kann, da diese Zeit etwas weniger weit weg von uns liegt als die Nazi-Zeit: Wenn ein System, ein Staat sicher sein möchte, dass es viele gute Nationalsozialisten, Kommunisten, Konsumenten oder was auch immer gibt, muss er den Kindern so früh, wie möglich, in eigenen Institutionen, wie Schulen und Kindergärten z. B., eben genau das vermitteln, was sie glauben oder wovor sie sich fürchten sollen, damit sie das System ihr Leben lang stützen und erhalten. Das ist eine machtvolle Information: Dort, wo die Kinder im wachen Zustand die meiste Zeit verbringen, nehmen sie unbewusst auch das meiste an Werten und Einstellungen fürs Leben mit. Wenn Du als Staat – oder wer auch immer – wirklich großen Einfluss auf die zukünftigen Generationen haben willst, hol sie so früh wie möglich aus den Familien in Deine Schulen, Vorschulen usw.

 

Sei es die Überzeugung, der Herrenrasse anzugehören oder die Überzeugung, dass die sozialistische Gemeinschaft immer an erster Stelle steht und der einzelne Mensch in seinen eigenen Wünschen eben hinten anstehen muss, oder meinetwegen auch der Glaube, dass es normal ist, sich ständig selbst zu Höchstleistungen antreiben zu müssen, um sich als wertvoller Mensch fühlen zu dürfen, weil der Vergleich mit anderen eben auch von Kindesbeinen an ab der ersten Klasse eingetrichtert wurde:

 

Je früher wir etwas erfahren und lernen, umso weniger werden wir es im Erwachsenenalter hinterfragen – es war ja schon immer so. Und auch der Wirtschaft, von der viele heute hinter vorgehaltener Hand behaupten, sie würde die Politik lenken, hilft es ein bisschen, wenn die Menschen weniger Zeit im Familienverbund verbringen: Denn wir sind naturgemäß eher bereit Geld auszugeben und zu konsumieren, wenn wir uns langweilen, einsam fühlen, im Stress sind, Schuldgefühle haben, weniger Zeit investieren können das eine oder andere selbst zu machen usw.

 

Mmmh … Sorry again fürs Abdriften! ;-) 

 

Jedenfalls, nach dem Krieg litten viele Menschen unter zerstörten Familien: Es gab Bombenopfer, viele Väter und Söhne waren im Krieg gefallen, andere kamen über Jahre in Gefangenschaft. Flucht und Vertreibung hatten Familien auseinandergerissen. Zu Beginn der Bundesrepublik arbeiteten viele Frauen – allerdings in erster Linie, weil männliche Arbeitskräfte fehlten. Als diese wieder ausreichend zur Verfügung standen, beschwor das Familienbild in den 1950er Jahren eine Idylle, beschränkt auf "Vater-Mutter-zwei Kinder-Familie" im eigenen Häuschen. Der Vater war Oberhaupt und Ernährer, die Mutter erzog die Kinder und führte den Haushalt. Presse, Fernsehen und Werbung unterstützten dieses Bild. Dieses Leitbild prägte auch die nachfolgenden Jahrzehnte.

 

"Eine Frau ... ", so heißt es in einer Werbung aus den 1950er Jahren, "Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen? Und was soll ich kochen?"

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Rollenspiel zwischen Mann und Frau also wieder klar verteilt: Während er furchtlos in die Welt zog, sorgte sie sich um das Heim, um Behaglichkeit, Sauberkeit und kalorienreiches Essen. Das Dasein als Hausfrau war ihre Bestimmung.

 

Du siehst schon: Die Trennung zwischen häuslichen Tätigkeiten, Kindererziehung und Küchenkunst einerseits und der Arbeit außer Haus andererseits ist im Prinzip so alt wie die Menschheit selbst. Frauen gebaren und stillten Kinder und waren schon dadurch in Vorzeiten stärker an Heim und Höhle gebunden als der Mann.

 

Die Arbeiten, die eine Hausfrau bis in die 1950er Jahre zu verrichten hatte, waren enorm. Obwohl die Hausarbeit in jenen Jahren körperlich sehr anstrengend war, wurde der Arbeit einer Hausfrau wenig Anerkennung gezollt. Eine Frau, die den Haushalt führte, arbeitete im Sprachgebrauch der Zeit überhaupt nicht. Und wenn wir ehrlich sind, hat sich daran auch bis heute nichts geändert. Dass der Job "Haushalt und Kindererziehung" nämlich im Gegensatz zu anderen Berufsbildern sich nicht großartig verändert hat, aber doch einer ist, den jeder, der lebt, in irgendeiner Form organisieren muss, und auch die Tatsache, dass er gar nicht als wirkliche Arbeit anerkannt wird in unserer Gesellschaft, hat sich bis heute in den meisten Köpfen nicht geändert. Nichtmal in den Köpfen der Frauen! Und so sind sich viele Arbeitnehmer gar nicht bewusst, dass sie hier noch einen zusätzlichen "Job" erledigen, der in keiner offiziellen Wochenarbeitszeit aufgeführt wird, und für den früher eine Person in der Familie hauptberuflich zuständig war.

 

Eine kleine Anekdote am Rande: In den späten 1960er Jahren wurde Hausfrau als Beruf zumindest auf dem Papier anerkannt: Bei einem Immobiliengeschäft hatte eine Käuferin bei Vertragsunterzeichnung als Beruf "Hausfrau" angegeben. Der Vertragspartner klagte deswegen und ein Gericht musste schließlich klären, dass "Hausfrau" tatsächlich eine legitime Berufsbezeichnung ist. Ende der 1960er Jahre und dem Beginn der Frauenbewegung geriet die Hausarbeit zwischen die Fronten: Auf der einen Seite protestierten die Frauen gegen eine Geringschätzung der Hausarbeit. Denn Arbeit ist Arbeit, oder nicht?

 

Andererseits wurde die Hausfrau auch zum Symbol von Abhängigkeit. Und Frauen, die "nur Hausfrau" waren, wurden auch im Zuge der Emanzipation, zu einem abwertenden Begriff unter Frauen.

 

Und wie sieht das heute aus? In der modernen Zeit?

 

Wenn wir auch hier ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass sich dieser abwertende Gedanke bis heute gehalten hat.

 

In Deutschland, im Jahr 2019, hast Du als Frau oder auch als Mann, wenn Du "nur" Hausfrau oder Hausmann bist, wenn Du Dich entscheidest, daheim zu bleiben und um Dich hauptsächlich selbst um den Haushalt und die Familie zu kümmern, einen schlechten gesellschaftlichen Stand.

 

Dabei ist ein Haushalt mit mindestens zwei Erwachsenen und zwei oder mehr Kindern ein Vollzeitjob, bei dem es keinen echten Feierabend gibt!

 

 

Wäsche waschen, bügeln, gesund kochen, einkaufen, den Kindern bei den Hausaufgaben unterstützen, für den Kuchenbasar in der Schule backen, die lieben Kleinen zu Freizeitveranstaltungen, in die Schule und auf dem Rückweg vielleicht noch bei den hilfebedürftigen, eigenen Eltern vorbeizufahren, Elternabende, und Kinder, die nachts fiebern, weinen oder kotzen wie ein Reiher usw. usw. sind nichts, was man in fünf Minuten mal eben so nebenbei abhandelt.

 

Das ist ein Job, der organisatorisches Geschick, Fingerspitzengefühl im Umgang mit Menschen und deren Bedürfnissen, Weitsicht, ein Gespür für Potentiale und Entwicklungsmöglichkeiten und viele Eigenschaften mehr erfordert, als so mancher Managerposten!

 

Und hier liegt das Problem, welches mir im Burnout-Coaching-Alltag so häufig begegnet wie kein anderes: So gut wie niemand ist sich heute dessen bewusst, dass es früher einen Vollzeitjob gab, der fast vollständig den Lebensunterhalt der ganzen Familie finanziert hat: In der Regel der des Mannes! Und es gab einen weiteren Vollzeitjob, der die Familie und das Leben aller ihrer Mitglieder am Laufen hielt, damit die Familie eine Einheit im Gleichgewicht bleiben konnte: den der Hausfrau.

 

Ich würde sagen, um die 90 % der Frauen und Männer, mit denen ich im Coaching gearbeitet habe, rechnen falsch. Denn sie rechnen einen Job pro Person, meist in Vollzeit in irgendeiner Firma. Wenn Du einen Vollzeitjob in einem Unternehmen hast und den Haushalt führst, hast Du ZWEI Vollzeitjobs, nicht einen! Wenn Du einen Vollzeitjob hast, und dann vielleicht sogar noch irgendwo auf 450 €-Basis dazuverdienen musst, und dann auch noch den Haushalt allein schmeißt, hast Du 2,5 Vollzeitjobs!

 

Selbst, wenn Du "nur" eine Vollzeitstelle, keinen Minijob nebenbei und einen Partner hast, mit dem Du Dir den Haushalt gerecht teilen kannst – was immer noch eher die Seltenheit ist – hat jeder von Euch, wenn Ihr beide Vollzeit noch irgendwo anders arbeitet, 1,5 Vollzeitjobs. Nämlich den Vollzeitjob in der jeweiligen Firma ... und die Hälfte des Haushalts!

 

Übrigens: Statistisch betrachtet kann von einer gleichmäßigen Verteilung der Hausarbeit leider auch bis heute keine Rede sein. Wir bewegen uns in eine gerechtere Richtung. Aber gut Ding will Weile haben, und selbst wenn die Hilfe im Haus für viele Männer selbstverständlich geworden ist, erledigen auch bei Paaren, bei denen beide Partner berufstätig sind, die Frauen im Durchschnitt immer noch circa 70 % der Hausarbeit.

 

In den Medien höre ich immer nur die Diskussion, ob Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Ob z.B. die Hausarbeit oder die Erziehungszeit gleichmäßig verteilt sind. Ich denke, das ist gut und fair. Eine Teilzeitstelle für den Mann und eine Teilzeitstelle für die Frau und dann jeweils für jeden noch der halbe Haushalt macht insgesamt die Arbeitszeit eines Vollzeitjobs für beide. Aber es ist nicht die erste Frage, die ich im Burnout-Kontext stellen würde ...

 

Die allererste, wichtigste Frage hier, als Burnout-Coach, lautet für mich nämlich: Was macht eigentlich der Personalstand in Deinem "Familienunternehmen"?

 

Wie viele Vollzeitstellen werden von wie vielen Arbeitern ausgeführt? Gibt es auf jeden zu erledigenden Vollzeitjob einen, der ihn erfüllen kann? Oder hast Du in diesem Familienbetrieb das gleiche Problem wie viele Firmen heutzutage: Zu wenig Arbeiter auf zu viele Stellen, die durch permanente Überlastung früher oder später frustriert oder krank werden?

 

Und bitte, wenn wir uns diese Frage stellen, dann müssen wir uns auch Folgendes fragen:


Burnout - Von der Leichtigkeit des Seins

Wie Du Deinen inneren Stressknoten auflöst und Dich endlich aus dem Burnout befreist!

 

10 Kapitel über die Gefühlswelt und deren Neuordnung im Burnout-Prozess. Plus: 4 neue Übungen, u.a.:

  • um Deine Regeneration & Heilung zu förden
  • Deine eigene Energie zu erfahren & zu lenken
  • Deine innere Stabilität zu schaffen & zu erhalten


Unter dem Gesichtspunkt, dass unsere Kinder ja ebenfalls schon mit in dieses Hamsterrad eingepasst werden müssen, wenn beide Eltern 1,5 - 2,5 Vollzeitstellen beackern, ist das denn gesund für die kleinen Geister, die ja noch viel mehr nach Intuition statt nach Vernunft leben wollen und sollen?!

 

Wenn Du Kinder hast und Dir regelmäßig das Theater gönnen musst, morgens im Stress das Haus zu verlassen, weil der ganze Tag durchgetaktet ist, und nicht den kleinsten Spielraum lässt, um sich einfach mal an euren Familien-Bedürfnissen zu orientieren und sich etwas langsamer anzuziehen und in die Gänge zu kommen, weil die Nacht schwierig war z.B., oder wenn Du Kapitel 4 meines Buches "Burnout - Von der Leichtigkeit des Seins" gelesen hast, dann weißt Du vermutlich genau, was ich meine!

 

Die Familie ist der Ort, an dem wir Menschen im Unterschied zu dem, was uns in der modernen Gesellschaft sonst begegnet, z.B. das Gefühl, dass die eigenen Arbeit nicht wertgeschätzt wird, und man schnell austauschbar ist und sie jederzeit verlieren könnte, immer noch unersetzbar sind und als Personen mit all unseren Facetten erkannt und auch wertgeschätzt werden! In der Familie ist jeder von uns in seinem Dasein als ganze Person bedeutsam und nicht ersetzbar.

 

Kinder zu haben, eine Familie zu gründen, ist wunderbar. Hier erfahren wir unsere Selbstwirksamkeit und unsere Schöpfungskraft, die uns wirklich zufrieden macht und Sinn unseres Lebens ist, mindestens genauso sehr, wie wenn wir eine große Karriere in unserem Traumjob machen.

 

 

Aber das ist eben nicht nur mindestens genauso wertvoll und bereichernd für unser Leben wie eine erfolgreiche Karriere, sondern ebenso herausfordernd und anstrengend.

 

Es ist absurd. Nie gab es so eine Wissenschaft, so viele Ratgeber, Fernsehsendungen und Diskussionen um Kindererziehung, Kinder und deren Bedürfnisse, wie heute. Und nie hatten wir so wenig Zeit, uns unseren Kindern wahrlich zu widmen, wie heute!

 

Wenn Du zu denen gehörst, die regelmäßig von dieser Zerrissenheit zwischen Kind und Karriere zerfressen werden, sei Dir gewiss: Du bist nicht allein damit! Aber darüber schreibe ich im dritten Teil. Denn diese beiden großen Aspekte, über die ich heute und im letzten Artikel geschrieben habe, nämlich Arbeit und Familie, ergeben zusammen den dritten Teil der Trilogie: Leben.

 

 

Denk immer daran: Was für Deine Familie am meisten zählt, bist Du!

 

Deine Suzy.

 

Dieser Artikel ist ein Ausschnitt aus:  Podcast Staffel 4 Folge 8 "Arbeit, Familie, Leben –Teil 2: Familie " :



 

Ich bin Suzy - Ayurveda Therapeutin und Burnout Coach bei Burnout Coaching Berlin.

 

In meinem Mini-Blog und in meinem Podcast "Burnout Von der Leichtigkeit des Seins" erfährst Du alles darüber, wie Du Deinen individuellen Weg aus dem Burnout findest.



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